Ich muss das mal los werden…

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Wenn ich dieser Tage die Nachrichten lese und gucke graust es mir. Vielleicht sollte ich nicht die Kommentare lesen, die man unter den Artikeln auf tagesschau.de oder zeit.de finden kann – die sind hoffentlich nicht repräsentativ für die Meinung der Mehrheit in Deutschland. Aber man kann schon den Eindruck bekommen das da zumindest in einer viel zu grossen Minderheit in der Birne etwas gewaltig schief läuft. Nicht nur weil es da einen gefühlten Rechtsruck im Land zu geben scheint –  ich sehe das eher als einen Dummheitsruck.

Ist schon klar: die Kacke ist am Dampfen.
Gegen die Flüchtlingssituation ist die ganze Sache mit Griechenland ja Kinderfasching. Und ja, ich kann schon irgendwo nachvollziehen dass das komisch ist wenn man durch sein Dorf geht und plötzlich ist da eine Gruppe von zwanzig Leuten die anders aussehen, die vielleicht *huch!* Kopftücher tragen und die die Sprache nicht sprechen. Ja, das ist schwierig. Aber mehr als für die Einheimischen ist das schwierig für die Flüchtlinge. Und all die satten Besserwisser an ihren Tastaturen und die gesichtslosen Feiglinge die sich hinter einer Fassade von “Besorgtheit”, “das wird man ja mal sagen dürfen” und vermummten Arschlochnazis mit Molotowcocktails verstecken haben verdammt noch mal immer noch nicht begriffen dass das Flüchtlinge sind. Aus einem Kriegsgebiet. Wo man tot geschossen wird. Einfach so. Stellt euch mal vor ihr geht nochmal kurz über die Strasse zum Bäcker um für eure Kinder eine Tüte Brezeln zum Frühstück zu kaufen und werdet dabei mal kurz sauber in den Kopf geschossen.

Wenn es einem nicht passt dass die Flüchtlinge kommen, dann kann man ja wohl kaum meinen dass die sich einfach zuhause auf die Strasse setzen sollen und sich abknallen lassen. Mit ihren Kindern auf dem Arm. Okay, schon klar: ein Haufen von den Dummbolzen sagen das sogar: “Huhu – die sollen gefälligst zu Hause bleiben und in Freiheit leben, so wie wir…” – das ist jetzt mehr oder weniger ein O-Ton von einer Ungarin in einem Beitrag in den Tagesthemen von gestern Abend. Aber das beschreibt die Intelligenz und Grundhaltung recht zutreffend. Nochmal zum Mitschreiben: diese Menschen können nicht in Freiheit leben, weil es in diesen Ländern keine Freiheit mehr gibt. Ich selbst habe einen Sohn und bald einen zweiten. Wie verzweifelt müsste ich sein wenn ich mich von dort wo ich lebe auf eine beschwerliche Reise in ein sicheres Land mache, und meine kleinen Kinder und meine Frau in die Hände von skrupellosen Verbrechern zu geben, denen es scheissegal ist ob wir lebend ankommen oder nicht? Ist das so schwer zu verstehen? Selbst bei aller Angst die man vor einem Ansturm von tausenden von Flüchtlingen haben mag?

Also, mal angenommen man ist in der Lage diese Situation intellektuell und emphatisch zu begreifen (was anscheinend von viel zu vielen Menschen in Europa schon zu viel verlangt ist), was ist denn die andere Alternative wenn man diese Flüchtlinge nicht aufnehmen will? Konsequenterweise muss man dann sagen: okay, dann schicken wir jetzt mal die Armee und bomben die ganzen bösen Menschen weg. In Syrien. Und Afghanistan. Und dem Irak. Und so weiter. Klar: wenn man die Schurken los ist, kann man jetzt ja mal naiv theoretisch annehmen das alles supergut wird, diese Staaten wieder aufgebaut werden können und eine Staatsform annehmen die die Menschen zumindest schützt und nicht in die Ferne treibt. Klar. Aber wer soll das denn machen? Die Amerikaner vielleicht, die zwar die Hand schnell am Abzug haben, aber nicht für 2 Cent weiterdenken? Die Nato und die Bundeswehr? Und sagen wir mal, wir machen das jetzt. Dann frage ich mich auch mal abgesehen davon dass viel zu viele von unseren Jungs in Plastiksäcken zurück kommen würden: was ist materiell teurer? 800000 Flüchtlinge pro Jahr aufnehmen oder zehn Jahre lang einen Krieg führen der nicht zu gewinnen ist? Und so einen Krieg führen in einer Welt in der Russland und China wohl Bammel haben werden dass der Westen zu weit vordringt?

Ich habe ja auch keine Antwort, aber das kann’s ja wohl nicht sein. Ich bin aber davon überzeugt dass die beste Antwort in gemeinschaftlichem Handeln und Diplomatie liegt.

Ich wohne in Asien. Weit weg von Europa, in einem Land in dem ich Ausländer bin. Wo Menschen sich Sorgen machen das zu viele Ausländer ins Land kommen. Da gibt es viel Kritik an der Regierung. Aber in all den Jahren bin ich hier nie negativ angegangen worden. Okay, ich bin kein Flüchtling. Zuhause würde ich nicht einfach geköpft / erschossen / gehängt / gefoltert / .. was auch immer werden. Ich verdiene Geld und muss zum Glück niemanden bitten mich zu unterstützen. Aber mal abgesehen von der Flüchtlingssituation die viele Menschen umtreibt: in meinem Heimatland kann jemand in der selben Situation sein wie ich aber eben die falsche Hautfarbe haben und deswegen in irgendeiner Ecke in Sachsen tot getreten werden. In Deutschland ist konstruktive Kritik erlaubt. Man muss nicht die Meinung der Regierung vertreten. Deswegen gibt es demokratische Parteien. Und ja: das ist demokratisch. Wenn man der Meinung ist das sei keine Demokratie und die Amerikaner sind die Puppenspieler europäischer Regierungen, dann geht halt nach Russland oder Nordkorea! Nur weil viele Parteien wie ein Brei erscheinen und gefühlt das selbe sagen, heisst das nicht das alle gleich geschaltet sind. Es gibt aber eben bestimmte Werte und Denkweisen die unsere Kultur auszeichnen und intelligente Menschen egal welcher Couleur kommen dann zu ähnlichen Ergebnissen. Leider ist es sehr verlockend da ein wenig auszubrechen um anders (und sehr wahrscheinlich dämlich) zu sein. Das kann natürlich in einer politischen Landschaft in der man irgendwie kreativ sein muss um Wähler zu locken helfen. Hey, CSU – ich gucke Dich an! Ich kann zwar sachlich auch nicht nachvollziehen dass eine Randgruppenpartei wie die CSU die bescheuertsten Projekte durchbringen will, aber das ist auch Politik: die kämpfen halt gegen die Irrelevanz auf Bundesebene an und wollen sich profilieren. Politik ist nicht so einfach wie man sich das gemeinhin vorstellen möchte. Mir geht es in dem Zusammenhang trotzdem ziemlich auf den Sack das ein Seehofer sich in seinem Sommerinterview hinstellen kann und behaupten kann das es “Massen von Wirtschaftsflüchtlingen” gibt und die Journalisten Becker und Hassel ihm da nicht nach konkreten Zahlen fragen und ihm ein wenig Feuer machen. Und: die Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan sind. Nicht. Das. Problem. Das Problem ist das da tausende von Menschen die zuhause um ihr Leben fürchten müssen Zuflucht finden wollen. Wenn einem die Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan so arg sind: ja, die Politik hätte da schon vor Jahren sicher stellen müssen dass Menschen die nicht anerkannt werden konsequent wieder zurück geschickt werden (und für die Fachkräfte die man gerne hätte kann man nun wirklich bessere Wege finden als zu hoffen dass die mal so eben zufällig über die Grenze stolpern). Aber so ist das eben: das war vor Jahren kein ernsthaftes Problem in Europa und das ist nur jetzt so präsent weil da eben plötzlich immens viele Kriegsflüchtlinge mit anstehen.

Und ja, die Medien. Ach Du Scheisse! Alles in allem versucht man ja das richtige zu machen, aber insbesondere die Tagesschau ist mir ein paar mal mit was im Prinzip eine gute Idee ist sauer aufgestossen: den Menschen ein Gesicht geben und sie zu Wort kommen zu lassen. Aber jedes mal wenn solche Beiträge kommen bin ich absolut schockiert wie unprofessionell und dilettantisch die produziert werden. Diese Beiträge sagen nichts aus und die Macher scheinen selbst nicht zu wissen warum sie die gemacht haben. Die Idee ist also Geschichten zu erzählen, typischerweise mit dem Zusatz dass man die Flüchtlinge jetzt mal “selbst zu Wort kommen lässt”. Ist ja eine gute Sache. Aber das wird ohne echtes Interesse abgefilmt, dann jämmerlich geschnitten und dann gesendet. Und danach wird das dann immer mit einem wissenden Lächeln von Mioska oder von Roth abgenickt, als ob da jetzt ja wohl alles geklärt wäre. Nee, Freunde, ist es nicht! Mich ärgert das, weil ich mit der Absicht ja absolut einverstanden bin, aber bei der Ausführung echt kotzen möchte. Ich habe noch keinen dieser Beiträge gesehen wo ich gedacht habe: wow, jetzt habe ich aber etwas gelernt und verstanden (dieser Artikel hier ist dafür besser geeignet). Ähnlich bescheuert: ein Beitrag in dem Prominente über das Flüchtlingsproblem und eigene Erfahrungen sprechen. Und wenn hat man da ausgewählt? Udo Lindenberg, Jeanette Biedermann, Lilo Wanders und noch ein paar andere Hackfressen. Das war vor zwei Wochen oder so in den Tagesthemen. Entschuldigung: ich finde es ja prima dass diese Prominenten sich hinstellen und für Flüchtlinge sprechen. Aber Lindenberg, Biedermann und Wanders? Wie relevant sind die denn in der Bevölkerung? Ist das taktisch an den typischen ARD Zuschauer angepasst? Mann, Mann, Mann! Dann echt lieber BBC…

Und dann Europa. Was für eine jämmerliche Gemeinschaft von machtlosen Pappnasen! Ich bin ja sogar stolz darauf wie die deutsche Regierung sich (jetzt) schlägt und mit der recht klaren Position die (endlich) bezogen wird. Man kann immer mehr machen, aber es bewegt sich was. Und die anderen? Naja. Grossbritannien ist eine Schande für sich! Aber den Boden schlägt natürlich Orbán aus. Was da in den letzten Tagen in Ungarn abgegangen ist und was der Knabe so zum Besten gegeben hat sollte Grund genug sein ihn persönlich aus der EU auszuschliessen und auf ein leckendes Tretboot im Mittelmeer auszusetzen.

Und so schaue ich mir Europa dieser Tage an und denke mir so: hey, ich würde eines Tages eigentlich gerne zurück kommen. Aber in was für ein Europa wird das sein? Trotz all dem beispiellosen Zuspruch und der Unterstützung die man jetzt öfter zu sehen bekommt, mache ich mir Sorgen um Deutschland, wo Menschen wieder Häuser von Unschuldigen anzünden. Um Frankreich, wo der Front National beängstigend stark ist. Um viele Staaten die angesichts der vielen Krisen in den letzten Jahren angeschlagen sind und die mit den vielen Versäumnissen, die keiner beim Formen der Gemeinschaft vorhersehen konnte, kaum umgehen können. Und nicht wissen wie oder was man ändern müsste.

Wie wär’s denn dann mit den USA? Kein Deut besser. Ein Land in dem jeder, der drei Kreuze malen kann eine Waffe in die Hand gedrückt bekommt, stellt schon ein Risiko für Leib und Leben dar wenn es nicht in der Krise steckt. Und von den fundamentalistischen Ansichten republikanischer Präsidentschaftskandidaten will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal könnte ich mir echt Sorgen machen…

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